Sind kleine Lösungen immer Biedermeier?

Stoße heute auf den Kommentar der Journalistin Ursula Weidenfeld im Tagesspiegel.

http://www.tagesspiegel.de/politik/digitalisierung-mehr-mut-zum-komplizierten/14692906.html

Am Ende fällt das Wort Biedermeier, ziemlich negativ konnotiert – aber was das Negative genau ausmacht, geht aus dem sonst wunderbar aufgeschlossenen Beitrag nicht so recht hervor. Biedermeier sei das Einigeln ins Private, so gut, so kritikwürdig. Aber was ist die Alternative? Das Warten auf den Masterplan, den großen Wurf?

Wir brauchen viele kleine Lösungen, soviel steht für mich fest. Kleine Lösungen und Räume, um diese auszuprobieren. Auch in Sachen Digitalisierung und Datafizierung. Denn dieses Entwicklungen werden unser Leben verändern, soviel steht fest. Biedermeier bedeutet hier eine Haltung wie: “Ich mache bei all dem nicht mit, habe ich kein Smartphone, und stattdessen züchte ich in meinem abgezäunten Garten alte Rosen”. Augen zu und hoffen, dass rundherum nichts passiert.

Aufgeschlossenheit hingegen würde bedeuten, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Nicht im Sinne eines ideologischen Mantras, sondern im Sinne eines zu gestaltenden Rahmens für mehr Teilhabe, für mehr Gemeinsinn, für mehr Lebensqualität.

Die Frage ist, ob das geht. Klar ist wiederum: Ohne Aufgeschlossenheit geht gar nichts. Und nichts ohne wachsamen Blick. Darauf, wer die Akteure sind, darauf, wo die Daten landen, darauf, wer alles mitspielen darf. Auf dem Weg in die Energiewelt der Zukunft müssen viele dieser Fragen beantwortet werden. Mittlerweile gibt es aber genügend Akteure, die gemeinsam nach Lösungen suchen, die diese ausprobieren wollen. Wer aber meint, die Digitalisierung auch dieser Lebensbereiche ablehnen zu können, stellt sich von Vornherein ins Abseits. Insofern ist, da hat Ursula Weidenfeld Recht, ein Biedermeier, das Zäune im gut gehegte Rosenbeete baut, auch hier keine Lösung.

Big Data im Energiesektor – wo ist das Problem?

von Martin von Broock

Als Ethiker interessiert mich die Frage: Was genau ist eigentlich das Problem beim Thema Digitalisierung und Big Data, gerade auch im Energiebereich? Kurzgefasst lautet die Antwort: Es ist gegenwärtig unklar, wem wir welche Verantwortung zuweisen sollen und können. Dazu folgender Gedankengang:

Wir wollen Veränderung – jetzt!

Viele Menschen haben das Gefühl, dass wir bei den großen Herausforderungen – etwa bei Klimaschutz und Energiewende – kaum noch vorangekommen. Wir wünschen uns einfache, wirkungsvolle, schnelle und möglichst faire Lösungen. Und die trauen die Menschen laut Umfragen immer weniger demokratischen und marktwirtschaftlichen Prozessen zu. Das mag daran liegen, dass wir nach langen und aufreibenden Debatten die Ergebnisse oft als Kompromisse auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner wahrnehmen. Und wir stellen uns die Frage: Schaffen wir so die dringend notwendigen Veränderungen?

Mehr Fairness durch Big Data?

Big Data könnte hier einen Paradigmenwechsel einleiten. Es sind vor allem drei Ideale, die mit der umfassenden Sammlung, Verknüpfung und Auswertung großer Datenmengen zum Zwecke der Steuerung verbunden werden: (1) Transparenz: Der Einzelne wird in seiner Einzigartigkeit, seinen Idealen und Interessen sichtbar und erfassbar. (2) Effizienz: Mit mehr Informationen können wir knappe Ressourcen besser ausschöpfen (etwa in der Energieversorgung durch intelligente Geräte) und auch individuelles Fehlverhalten reduzieren (z.B. im Straßenverkehr durch automatisiertes Fahren). (3) Fairness: Mit höherer Transparenz und Effizienz können letztlich soziale Teilhabe und Verteilung verbessert werden. Christoph Kucklick hat es in einem Interview so auf den Punkt gebracht: Der heute gültige Grundsatz „Alle sind gleich – allen dasselbe“ könnte künftig lauten „Jedem das Seine.“

Wie organisieren wir Verantwortung?

Hier ließe sich bereits manches einwenden. Ich möchte aber auf einen anderen Punkt hinaus. Denn aus Sicht des Einzelnen stellt sich die wichtige Frage: Wie kann ich mir sicher sein, dass meine Daten nicht ausgebeutet werden? Etwa durch meinen Energieversorger, der lediglich wettbewerbsfähiger werden will. Oder den Staat, dem es um (vielleicht sogar gutgemeinte) Verhaltenssteuerung geht. Es entsteht also ein neues Vertrauensproblem: Wem kann der Einzelne welche Verantwortung für die Verwertung seiner Daten zuweisen? In der Debatte werden zwei Lösungen angeboten:

Die „Utopisten“ glauben: Das Verantwortungsproblem wird schon bald dadurch aus der Welt geschaffen, dass immer intelligentere Algorithmen auch die Konflikte auf der Metaebene lösen können. Ungeachtet der tatsächlichen Potenziale von künstlicher emotionaler (und ethischer) Intelligenz: Sollen wir dies tatsächlich wollen? Denn das würde bedeuten, dass wir uns selbst vom handelnden Subjekt zum behandelten Objekt degradieren, mithin die Würde des Einzelnen der Kalkulation preisgeben. Und ganz pragmatisch stellt sich die Frage: (An wen) Können wir in einer solchen Welt noch Fragen und Einwände adressieren?

Die „Realisten“ sagen deshalb: Notwendig sind ganz neuartige Institutionen und Prozesse, z.B. ein Algorithmen-TÜV . Das wirft natürlich die Frage nach deren Legitimierung auf. Expertenräte, die im Sinne eines „digitalen Politbüros“ Masterpläne entwickeln und durchsetzen können, wären sicher nicht zustimmungsfähig. Und der Vorschlag, die Lösung mancher gesellschaftlicher Probleme gleich an private, innovationsstarke Monopole zu übertragen, erst recht nicht.

Zerstörung mit „Augenmaß“

Damit finden wir uns letztlich wieder in jenen etablierten Entscheidungs- und Beteiligungsstrukturen, die kritisiert werden. Der Ethiker sagt daher: Es geht nicht um eine Disruption dieser Prozesse, sondern um ihre Verbesserung durch Big Data. Dafür brauchen wir zweifellos neue Gesetze und Verfahren, aber eben nicht nur. Wir brauchen einen grundlegenden Konsens über „rote Linien“ beim Thema Big Data. Den herzustellen, kann aber nicht allein Aufgabe des Staates sein. Hier müssen viele gesellschaftliche Kräfte beitragen; gerade auch Verbände und Unternehmen, etwa durch Leitbilder, Selbstverpflichtungen o.ä. Von meinem Energieversorger etwa erwarte ich folgende Vereinbarung: Als Kunde vertraue ich dir meine Daten an, wenn du dich glaubhaft daran bindest, sie ausschließlich im gemeinsam vereinbarten Sinne zu nutzen. Die dafür notwendigen Voraussetzungen sind zu schaffen – im doppelten Sinne.

Epilog

Neulich, in der Beschwerdehotline eines großen Internet-Providers: Ich: „Mein DSL funktioniert nicht.“ Mitarbeiter: „Ich habe ihren Anschluss gerade durchgemessen, alles in Ordnung.“ Ich: „Sie können sich gern vor Ort vom Ausfall überzeugen.“ Mitarbeiter: „Nicht nötig, meine Daten sagen mir, dass ihr System einwandfrei arbeitet.“ Ich: „Dann sagt ihr System offenbar nicht die Wahrheit.“ Mitarbeiter: „Das ist nicht möglich“… Der Fehler lag dann übrigens – wie so oft – an einer Schnittstelle mit „geteilter“ Verantwortung. Das haben wir schließlich in verschiedenen Gesprächen von Mensch-zu-Mensch herausgefunden. Zum Glück.

Big Data und Gesellschaft: zwei Bücher zur Einführung

Von STEPHAN MUSCHICK

Zwei Bücher – 2013 und 2014 erschienen – waren meine Einladung in die Welt von „Big Data“. Nicht so sehr in die der Bits und Bytes, der ultraschnellen Rechner, der Sensoren und der blitzschnellen Verbindungen. Sondern in eine neue Gesellschaft, die durch Big Data, basierend auf neuen Technologien, eine andere sein wird.

Wahrscheinlichkeiten geraten ins Wanken

Beide Bücher – Christoph Kucklicks „Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst“ (Berlin 2014) und Viktor Mayer-Schönbergers „Big Data. Die Revolution, die unser Leben verändern wird“ (München 2013) rütteln an die Grundfesten unseres Zusammenlebens. Beide Autoren spannen einen großen Bogen von der Technologie hin zu Kategorien, die unsere Gesellschaft konstituieren, die letztlich unser Menschsein ausmachen.
Beide Autoren zeigen, dass die Flut an digitalisierten Daten, für die „Big Data“ ein Synonym ist, zunächst sämtliche Wahrheiten (oder Wahrscheinlichkeiten), die die traditionelle empirische Sozialforschung bereithält, ins Wanken bringt: Wenn bislang zufällige Stichproben und Hochrechnungen zu mehr oder weniger wahrscheinlichen Aussagen über das Denken und Handeln von mehr oder weniger großen Gruppen geführt haben (entsprechende Unsicherheiten und Spielräume inklusive), stehen heute und in Zukunft potenziell alle Daten von n = Allen zur Verfügung. Diese können so miteinander in Beziehung gesetzt werden, dass viel differenziertere Aussagen über immer feiner differenzierte Gruppen – bis hin zur einzelnen Person – möglich sind.

Vorhersagbarkeit trotz mancher Unschärfe

Kucklick nennt das „Granularität“ und illustriert dies eindrucksvoll unter anderem mit Beispielen aus dem medizinischen Bereich: Während die traditionell grobe Klassifizierung von Diabeteserkrankungen zur entsprechend grob gerasterten Therapieoptionen mit entsprechenden Abstrichen beim Behandlungserfolg führt, bietet Big Data die Möglichkeit, individuelle Profile zu erkennen und spezifisch zu therapieren (oder vorzubeugen).
Mayer-Schönbergers Punkt ist ein anderer. Ihm geht es weniger um den Einzelnen oder die Einzelne. Vielmehr zeigt er, dass „Big Data“ Unschärfen nicht nur enthält, sondern enthalten darf, denn durch die schier unendliche Auswertbarkeit riesiger Datenmengen lassen sich – je nach Bedarf – Denken und Handeln von Gruppen jedweder Gruppengröße vorhersagen. Und zwar ohne Wenn und Aber, auch wenn mancher Einzelne durch das Raster fällt.

Unsere Welt, unser Leben wird durch Big Data vorhersagbar – darin sind sich beide Autoren einig. Dass dabei nicht mehr die müßige Frage nach Kausalitäten, also den Gründen von individuellem Handeln und kollektiven Entwicklungen im Mittelpunkt steht, sondern Korrelationen, auf die ebenjene ultraschnellen Großrechner stoßen, ist dabei mehr als ein terminologisches Detail: Der Blick nach vorn wird damit weniger ein Blick in eine Glaskugel (oder eine mehr oder weniger offene Zukunft), sondern kann durch algorithmisierte Korrelationen vorherbestimmt werden.
Das klingt verlockend und effizient, geht aber weit über das hinaus, was beflissene Datenschützer heute „Schutz der Privatsphäre“ nennen. Abgesehen davon, dass heute das fundamentale „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ kaum noch zu gewährleisten ist (denn jeder hinterlässt Spuren, und auch derjenige, der sich allen Facebook-Verlockungen zu entziehen meint, kann durch Big Data differenzierter kategorisiert werden als das bislang der Fall gewesen ist), greift dieser Ansatz im Big-Data-Zeitalter viel zu kurz. Vielmehr stehen gesellschaftliche Kategorien wie „Verantwortung“ („Wenn alles vorhersehbar ist, wo liegen dann überhaupt noch Spielräume für eigenverantwortliches Handeln?“), „Gerechtigkeit“ („Was ist gerecht, wenn die sichtbar werdenden Unterschiede die bislang unterstellten Gemeinsamkeiten überdecken?“) oder „Solidarität“ („Warum soll ich mich mit demjenigen, der einen gänzlich anderen Lebensstil pflegt als ich, solidarisch zeigen und womöglich dafür zahlen?“) auf dem Prüfstand.

Das Ende der Welt, wie wir sie kannten?

So weit, so schlecht. Kein Entkommen, nirgends. So wirken die Aus- und Nebenwege, die beide Autoren skizzieren, denn auch eher schematisch und ein stückweit unbeholfen. Mayer-Schönberger spricht (und Kucklick übernimmt das) von „internen“ und „externen Algorithmisten“, die als eine Art Wirtschaftsprüfer oder Compliance-Officer darüber wachen, wer welche Algorithmen wie programmiert. Denn die seien – gewagte These (schließlich reißen beide Autoren die These von der lernfähigen Mensch-Maschine an) – immer noch menschengemacht. Und Kucklick redet – ganz in schillerscher Tradition – der Unberechenbarkeit und dem homo ludens das Wort, ohne freilich überzeugend zu zeigen, wie sich dieser in der Allgegenwart von Big Data verhalten soll. Schließlich wirkt auch der pure Anarchist profilbildend.
Doch auch diese Ernüchterung sollte nicht zu einem alternativlosen Pessimismus führen. Auch nicht die Tatsache, dass die Datafizierung als Folge einer zunehmend flächendeckenden digitalen Infrastruktur nur ein Aspekt ist, der die Welt, wie wir sie bisher kannten, herausfordert. Gentechnik und Biomedizin sind weitere, ähnlich revolutionäre Technologien, die alles – Leben und Tod, Mann und Frau – auf den Prüfstand stellen.
Bleibt also zunächst die fundamentale Frage zu beantworten, wie die Gesellschaft aussehen soll, in der wir leben wollen? Wie Meinungsbildung in Zeiten von Big Data und zunehmender Granularisierung aussieht? Wie sich gesellschaftspolitische Prozesse steuern lassen? Wie sich wirtschaftlicher Erfolg nachhaltig organisieren lässt?

Energie im Blog

Und schließlich, wir reden hier ja über Energie, wie einzelne Branchen wie die Energiewirtschaft mit Big Data umgehen. Klar ist, dass durch die Digitalisierung dieser Branche riesige Datenmengen, die detailliert Auskunft geben über die Lebenswelten von Menschen (-gruppen), anfallen. Dass grobkörnige Standardlastprofile (und die begrenzte Gestaltbarkeit nicht nur von Tarifen, sondern auch von Einflussmöglichkeiten) der Vergangenheit angehören, dass verlockende neue Geschäftsfelder entstehen, und zwar nicht nur für die Protagonisten der Energiewirtschaft, deren Daten auch für die Protagonisten beispielsweise der Gesundheitswirtschaft interessant sein können, sondern auch für Protagonisten aus Branchen, die in die traditionelle Energiewirtschaft drängen – dass also nichts schwarz oder weiß, dass aber auch nichts mehr grau ist, sondern bunt. Dass wir die richtige Sprache und die richtige Plattformen brauchen, dass wir aus dem irre bunten Kaleidoskop, das sich uns heute zeigt, ein neues Bild von Gesellschaft formen. Unter anderem hier, in diesem Blog.

Innovation durch Anordnung von oben – ein Kommentar zum Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende

von René Mono

Nun geht es los mit der digitalen Energiewende. Die Bundesregierung leitet sie heute per Kabinettsbeschluss ein. Ganz im alten Stil durch ein “Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“. Es soll den Einbau von Smart Meter (also intelligenten Strommessgeräten) für gewöhnliche Stromverbraucher verpflichtend anordnen. Für sie galt bisher: Wer wann wie viel Strom verbrauchte oder erzeugte, das wusste keiner so genau. Damit soll jetzt Schluss sein. Smart Meter sollen sukzessive die alten Stromzähler ersetzen. Dass ein stärker datengestütztes Energiemanagement für eine intelligent gestaltete Energiewende wichtig ist, hat jüngst der Kernphysiker Michael Pfendt vom KIT auf einem Innovationskongress gezeigt. Davon abgesehen, kann der Gesetzesentwurf nicht überzeugen.

Drei Versäumnisse sind hervorzuheben.

Erstens wird es keine Garantie geben, dass die neu gewonnenen Daten zum allgemeinen Nutzen eingesetzt werden. Klar ist: Sowohl die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Anlagen als auch sein Verbrauch müssen zeitlich und räumlich akkurat prognostiziert werden. Dafür braucht es die richtigen Akteure. Sie müssen in der Lage sein, neue Verbrauchsprofile zu entwickeln. Ich selbst habe dies an anderer Stelle schon einmal aufgeschrieben: Die Standardlastprofile, die jedem Kleinverbraucher einen Durchschnittslastgang zuordnen und über Ungenauigkeiten großzügig hinwegsehen, müssen abgelöst werden. In Zukunft wird es Tausende, vielleicht mehr als zehntausend unterschiedliche Profile geben. Sie müssen mit anderen Merkmalen (Alter, Beruf, Hobbies, Lifestyle usw.) in Verbindung gebracht werden. Statistische Kreativität ist gefragt, mathematische Fantasie und Forschergeist. Eine Aufgabe für innovationsgierige Wissenschaftsinstitute. Doch die Bundesregierung vertraut sie vor allem den Netzbetreibern an. Seit Jahrzehnten hätten sie sich um eine bessere Datenlage bemühen können, um ihre Netzplanung zu verbessern. Getan haben sie wenig. Selbst bei der datenmäßig einfach zu erfassenden Erzeugung von Grünstrom haben die Netzbetreiber sich keine Mühe gegeben, verwertbare Daten zu erfassen. Dies zeigt zum Beispiel eine Auswertung von Proteus.Solutions und blog.stromnachhaltig. Warum sollten sie jetzt neue Ambitionen entwickeln? Kaum zu erwarten, dass sie das enorme gesamtwirtschaftliche Potenzial erschließen, das in den Daten steckt. Und erst recht nicht sicher, dass das Wissen, das sich aus den Daten generieren lässt, dann allen zur Verfügung steht.

Das zweite Versäumnis: Die Bundesregierung macht sich keine Gedanken darüber, wen man unter welchen Voraussetzungen die Daten anvertrauen kann. Dieser Punkt hat einen objektiven Aspekt – dann geht es um die Anonymisierung der Daten, das Verbot der Zweckentfremdung, den Schutz vor Piraterie, um Hacking und Spying. Und er hat eine subjektive Komponente. Gefragt werden muss: Wer gilt in den Augen der Stromverbraucher als vertrauenswürdig? Umfragen und Studien zeigen: Die Netzbetreibern und Stromlieferanten sind es nicht. So kämpft die Energiebranche im GPRA-Vertrauensindex seit Jahren hart mit dem Finanzsektor um den letzten Platz.

Und damit sind wir beim dritten Versäumnis: Auch im Jahr 5 nach der Eskalation von Stuttgart 21, in einer Zeit, die vom Widerstand gegen Netzausbau und neue Windparks geprägt ist, hat die Bundesregierung nichts verstanden. Akzeptanzforscher wie Ortwin Renn sind sich einig: Neue Vorhaben akzeptieren Menschen nur, wenn sie ihren Sinn und ihre Notwendigkeit verstehen. Hierfür bedarf es Initiative – gefragt sind Angebote zur Verständniserschließung. Für die Smart Meter-Zwangsbeglückung der Bundesregierung gilt diesbezüglich: komplette Fehlanzeige.  Und das bei einem solch sensiblen Thema wie der Verwendung persönlicher Daten. Kein Wunder, dass die Verbraucherschützer schon auf die Barrikaden gehen.

Liebe Bundesregierung, das ist wohl ein klarer Fall von “ein bisschen gut gemeint und ziemlich schlecht gemacht”. Kein Trost ist es dann, dass der Smart Meter-Gesetzesentwurf dieses Schicksal mit anderen Ansätzen der Großen Koalition zur Digitalisierung teilt.

Lost in transition oder: das Energietriumvirat am Start

von Stephan Muschick, Martin von Broock und René Mono

Die Energiewende und Big Data – unsere Gesellschaft auf der Suche nach einer Balance zwischen Freiheit, Gerechtigkeit und Effizienz. Das alles auf diesem Blog.

Zahlreiche Studien zeigen: Die Menschen wollen eine dezentrale Energiewende. In ihr sehen viele die Chance für mehr Handlungsautonomie, Unabhängigkeit und Wahlfreiheit. Aber wie lässt sich die Energieversorgung dezentral, verlässlich und fair gestalten? Als ein Schüssel hierfür wird u.a. Big Data – d.h. die umfassende Sammlung, Vernetzung und Analyse individueller Verbraucherdaten – ins Feld geführt. Und hier sehen wir, das sind René Mono, Stephan Muschick und Martin von Broock, Diskussions- und Klärungsbedarf: Denn tatsächlich könnte Big Data die mit der Energiewende verbundenen Ideale unterminieren, wie wir im Folgenden deutlich machen wollen.

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René Mono, Martin von Broock und Stephan Muschick (von links nach rechts)

In den nächsten zehn Jahren wird Big Data für den Energiehandel die gleiche revolutionäre Entwicklung auslösen, die in den letzten zehn Jahren für die Energieerzeugung von der Photovoltaik ausging. Denn es wird möglich, über lange Zeiträume hinweg und trotzdem präzise zu analysieren, wer wann wieviel Energie benötigt. Jeder Verbraucher lässt sich einem spezifischen Profil zuordnen, ganz egal ob Privathaushalt, Landwirt oder kleiner Gewerbetreibender. Deren Nachfrage wird bislang von den Energielieferanten auf Basis von Standardlastprofilen geschätzt. In der alten Energiewelt, in der es keine Eigenerzeugung gibt und die Großkraftwerke weitgehend unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch durchlaufen, ist diese Ungenauigkeit nicht von Belang. In der neuen Energiewelt hingegen werden sich individuelle Verbrauchsmuster massiv unterscheiden. Ein Haushalt mit Photovoltaik-Anlage auf dem Dach, Speicher im Keller und Elektroauto vor der Garage hat nichts mehr gemein mit einem Verbraucher, dessen Strom nach wie vor „aus der Steckdose“ kommt.

Dank Big Data lassen sich Verbrauchsprofile aber nicht nur statistisch erfassen, sondern – und das ist entscheidend – auch erklären und hinterfragen. Denken wir uns eine fiktive Verbraucherin im Jahr 2025 aus und nennen sie Verena. Energiehändler werden genau bestimmen können, zu welchem Verbrauchertyp Verena gehört. Sie wissen, dass Menschen wie Verena montags an Sommerabenden die volle Reichweite ihres Elektroautos brauchen (weil sie zu ihrer Lieblingsjoggingstrecke fahren). Sie werden auch wissen, warum Verena am Morgen danach das Auto gerne stehen lässt (weil sie morgens mit dem E-Bike zur Arbeit fahren). Dieses Wissen werden sie ihrem Energiemanagement zugrunde legen. Denn sie müssen ja abschätzen, ob an jedem Montagmittag die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Bürogebäudes, in dem Verena arbeitet, genügend Energie erzeugt. Schließlich will Verenas Auto vollgeladen werden. Ziehen Wolken auf, muss ggf. der Speicher im Quartier um die Ecke angezapft werden. Oder man nimmt den Windpark aus dem Umland. Verena muss sich über all dies keine Gedanken machen: der Energieversorger kennt nicht nur Verenas Vorlieben, sondern auch Energiebedarf und -erzeugung in ihrer Umgebung.

Natürlich gibt es das Problem des Datenschutzes in einem digitalisierten Leben. Doch dies ist sicher nicht unlösbar. Sehr viel grundsätzlicher ist die Frage, was passiert, wenn Verbraucher von ihrem prognostizierten Profil abweichen. Nehmen wir an, Verena erhält spontan die Möglichkeit für das lang ersehnte Date mit ihrem Schwarm. Natürlich fällt das Joggen am Abend aus; sie wird also nicht mehr in ihr vollgeladenes Auto steigen und den Tank leer fahren. So schön dies für Verena sein mag, energiewirtschaftlich ist es ein Problem. Denn nachts zieht ein Windgebiet auf, alle Windparks in der Umgebung drehen sich mit Volllast, und es gibt Strom im Überfluss. Verenas Energieversorger hatte dies natürlich im Voraus gewusst und Kapazitäten zur Abnahme dieses Überflussstroms gebucht. Dazu gehört auch Verenas Auto. Doch dieses hängt vollgetankt nach wie vor an der Ladestation. Für Verenas Energieversorger ist dies ärgerlich. Nun muss er kurzfristig andere Abnehmer suchen, die einen relativ hohen Preis dafür verlangen. Als Verena am nächsten Morgen – in welchem Bett auch immer – erwacht und ihr Handy einschaltet, findet sie eine Nachricht ihres Energieversorgers vor. Er informiert sie, dass er ihre Unzuverlässigkeit tarifgemäß mit einer Strafe („Pönale“) von 20 Euro ahnden muss.

Und hier beginnen die Fragen: Ist dies effizient? Die 20 Euro könnten ein Anreiz sein, sich energiewirtschaftlich sinnvoll zu verhalten. Tatsächlich aber spielt – neben der Attraktivität ihres Angebeteten – auch Verenas Geldbeutel eine Rolle. Und das ist die zweite Frage: Wenn man Spontanität künftig auch mit der Stromrechnung bezahlen muss: ist dies dann gerecht? Ja, sagen die einen. Denn mit ihrem Abweichen vom „Standard“ handelt Verena unsolidarisch, weil sie die Stabilität des Stromsystems belastet. Nein, sagen die anderen. Denn es sei ungerecht, wenn sich nur die Reichen Spontaneität leisten könnten. Das führt unweigerlich zu einer dritten sehr grundsätzlichen Frage: In welchem Ausmaß rechtfertigt das Gemeinschaftswerk Energiewende die Beschränkung individueller Freiheiten? Verena hat sich ja lediglich die Freiheit genommen, von ihrer eigenen Routine – energiewirtschaftlich gesprochen: von ihrem individuellen Profil – abzuweichen. Und ist es nicht gerade das Leben für den Augenblick, das Unverhoffte, das Glück über den kurzen Weg – sind es nicht diese Dinge, die das Leben lebenswert machen? Dagegen halten lässt sich: Freiheit verlangt stets auch Selbstbeschränkung und die Übernahme von Verantwortung. Aber wie sind Verantwortlichkeiten in einer zunehmend digitalisierten Welt eigentlich legitimiert und organisiert? Wie ist in der künftigen Energiewelt das Verhältnis von Steuerung und Autonomie bestimmt?

Sicherlich gibt es keine einfachen Antworten auf diese Fragen. Big Data ist zweifellos eine Ressource, die gerade auch im Kontext der Energiewende das Wohl des Einzelnen und der Gemeinschaft fördern kann. Aber dieser Prozess wird nicht von selbst ablaufen. Umso mehr bedarf es eines kritischen Diskurses, den wir gegenwärtig aber nicht geführt sehen. Deshalb haben wir diesen Blog aufgesetzt. Und wir freuen uns auf den Austausch mit Euch – hier, auf Facebook und auf Twitter. Wenn wir Euch nerven, nervt zurück. Wenn Ihr es zu langweilig findet, sagt es. Wenn wir falsch liegen, macht den Mund auf. Wir glauben an die Kraft des Dialogs. Lasst uns gemeinsam dazu beitragen, dass die digitalisierte, dezentralisierte und dekarbonisierte Energiewende tatsächlich Effizienz, Gerechtigkeit und Freiheit fördert.